Architecture Exhibitions International

Affspace Bern

L’Œuil extérieur – Neuformatierung des Raumes:
drei zeitgenössische Positionen aus Belarus

Oct 2–Oct 10, 2020
@ Artur Klinau, «Minsk – Sonnenstadt der Träume», 2006, s/w-Fotografie (Oktoberplatz), Artur Klinau.

Eine Ausstellung der Gastkuratorinnen Iryna Herasimovich (Minsk) und Seraina Renz (Chur) zum politisierten öffentlichen Raum von Belarus.
Der Affspace nimmt gemeinsam mit dem Schlachthaus Theater, dem Berner Münster, der Zytglogge Buchhandlung und der Bäckerei Bread-à-Porter» Teil an der von Valerian Maly initiierten und organisierten Solidaritätswoche «L’Œil & Les Oreilles Extérieures» für die Kulturschaffenden in Belarus.
Unter dem Motto «Hinschauen!» üben sich Schwei­zer Kul­tu­rschaf­fende in der Praxis des «L’œil extérieur» – ein Be­griff aus der Theater­praxis: der auf­merk­sam hin­schauende Blick von aussen. In der Aus­stel­lung sind Ar­bei­ten zu sehen, die sich mit dem öffent­lichen Raum in Bela­rus durch ebenso sub­tile wie von Hü­tern der Ord­nung als sub­ver­siv wahr­ge­nom­mene künst­ler­isch-archi­tek­tonische Inter­ven­tio­nen aus­ei­nan­der­setzen.

Aus­gangs­punkt der Aus­stel­lung bil­det das Buch Minsk – ­ der Träume des Künstlers, Archi­tekten und Schrift­stellers Artur Klinau (*1965 Minsk). Es han­delt sich um ein auto­bio­gra­fisches Essay, dessen eigent­liche Pro­ta­go­nisten die Strassen und Plätze der sozia­lis­tischen Plan­stadt Minsk sind. Sie hätten in der Vision der Sowjets das Tor, den Auf­takt zur wahren städtischen Utopie des «neuen Moskau» bilden sollen. Dieses «neue Moskau» wurde nie ver­wirk­licht, Minsk hin­gegen schon, wie die zahl­reichen Foto­gra­fien vor Augen führen, die Klinaus Essay be­bil­dern. Die Foto­gra­fien, die in der Aus­stel­lung zu sehen sind, zeigen die Fassaden (und manch­mal auch ihr Dahinter), die Pers­pek­tiven und Pros­pekte einer Stadt, die nach dem 2. Welt­krieg fast voll­ständig zer­stört und von Grund auf wieder­auf­ge­baut worden war. Heute sind die Plätze von Minsk die Schau­plätze des poli­tischen Wider­stands. Mit Artur Klinaus präzisen Beo­bach­tungen sehen wir, was hinter den Fassaden reifte – die insze­nierten Ober­flächen sind auf­ge­brochen.

Die Brisanz des öffent­lichen Raums loten auch die Aktionen von Michail Gulin (*1977 Gomel) aus, die in der Ausstellung in zwei Videos gezeigt werden. Mit einigen Assis­tenten trug Gulin 2012 rosa­farbene und gelbe Würfel durch die Stadt und baute sich auf öffent­lichen Plätzen, manch­mal vor be­stehen­den Monu­menten, sein Perso­nal­monument aus den Würfeln – eine Hand­lung, die in Bern wohl kaum regis­triert würde. In Minsk aber wurde diese Inter­vention bereits als eine politische Provo­kation wahr­genom­men. Die Idee des Künstlers, dass sein abstraktes Monu­ment von Passan­t*innen mit einer Be­deu­tung auf­gela­den werden sollte, war damit reali­siert. Die Konse­quenz bestand allerdings darin, dass der Künstler und seine Assis­tenten auf dem Okto­ber­platz, der nach Pro­testen 2006 poli­tisch besonders auf­gela­den war, von Sicher­heits­kräften fest­genommen wurden, nach­dem sie ihr Objekt aufge­stellt hatten.

Mit der Un­möglich­keit eines poli­tischen Statements im öffent­lichen Raum setzt sich Michael Gulin in Terri­torium des Protests ausei­nander. Von jeman­dem an einer Kette geführt, betritt der Künstler einen Acker ausser­halb der Stadt mit einem Schild bewaffnet, auf dem statt eines Slogans nur ein dicker, roter Punkt prangt. Ohne lesbare Bot­schaft und ohne eine Öffent­lichkeit, dazu durch die Kette gezähmt, performt er einen sinn­losen, in Belarus damals aber einzig möglichen Protest.

Die Video­arbeit Rein­heit von Antonina Slobodtschikowa (*1979, Minsk) und Tanya Haurylchyk (*1987, Minsk) ist eine visuelle Reflexion auf die gleich­namige Instal­lation von Slobodtschikowa. Darin liess die Künstlerin weisse Lebens­mittel unter einer Glas­haube lang­sam ver­schimmeln und ver­rotten. Die Kamera beo­bachtet die Zer­setzung, indem sie die Ess­waren vor­sichtig abtastet. Anfangs sind sie sauber, haben ihre eigenen klaren Formen und Texturen. Der Prozess des Verfalls homogeni­siert die individuellen Eigen­schaften bis zur Unkennt­lichkeit. Rein­heit ist einerseits eine Ausei­nander­setzung mit der frappieren­den Sauber­keit der Stadt Minsk, anderer­seits eine Reflexion auf Zeit und Zerfall.

Die Ausstellung findet im Raum des Bestatters an der Münster­gasse 4 statt. Während den Öffnungs­zeiten ist die Kura­torin Seraina Renz und/oder der Ini­tia­tor und Orga­ni­sator der Soli­dari­täts­woche Valerian Maly anwesend.