10.11.2023–24.2.2024

numen / for use:

negative space and collapsing room
Adresse
Im Adambräu, Lois Welzenbacher Platz 1, 06020 Innsbruck
Öffnungszeiten
Di–Fr 11–18 Uhr, Do 11–21 Uhr, Sa 11–17 Uhr, an Feiertagen geschlossen
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Möbeldesigns, Innenarchitekturen und Platzgestaltungen, Bühnenbilder, begehbare Rauminstallationen und pneumatische Objekte – die Tätigkeitsfelder des 1998 gegründeten, multidisziplinären Künstlerkollektivs Numen / For Use sind äußerst vielfältig und überlagern sich zunehmend in ein zwischen Design, Bühnenbild, Architektur und Kunst gespanntes Spielfeld für das Experiment, in dem das Thema der Wahrnehmung eine wesentliche Rolle spielt.

Noch während ihres Studiums an der Universität für angewandte Kunst in Wien schlossen sich die drei Industriedesigner Sven Jonke, Christoph Katzler und Nikola Radeljković unter dem Label „For Use“ zusammen. Anfänglich waren sie vorrangig im Bereich des Möbeldesigns tätig und entwarfen funktionelle, im Detail raffinierte Produkte, u. a. für international bekannte Firmen wie Moroso, Zanotta, MDF Italia, Magis und Interlübke. Bis heute ist das Möbeldesign ein wichtiges Standbein, seit 2011 arbeitet das Kollektiv dabei intensiv mit dem innovativen kroatischen Möbelhersteller Prostoria zusammen.

Von Beginn an engagierten sie sich parallel dazu in der freien Club- und Kunstszene in Zagreb und konzipierten etwa Ausstellungsarchitekturen. Für derartige, über das Industriedesign hinausgehende Projekte führten sie das von Kants Begriff des Noumenon („Ding an sich“) hergeleitete Label „Numen“ ein. Mit dem Auftrag für ein Bühnenbild am Centro Dramático Nacional in Madrid verlagerte sich ab 2004 der Schwerpunkt auf die Szenographie, wo sie bis heute sehr radikale Experimente umsetzen. Daneben realisiert die Gruppe unter so prosaischen Titeln wie „Net“, „Tape“, „String“ oder „Tube“ begehbare interaktive Installationen in Museen, bei Festivals sowie im öffentlichen Raum, die faszinierende sinnlich-räumliche Erlebnisse bieten. Sie spinnen aus Klebebändern fragil wirkende Kokons, die aussehen, als wäre ein Rieseninsekt tätig gewesen, verweben mehrere Schichten elastischer Netze zu überdimensionalen, durchkletterbaren Hängekonstruktionen oder eignen sich das Produktionssystem großer pneumatischer Objekte derart an, dass man sich in einem unendlich scheinenden 3-D-Netz verliert.

2015 konzipierte Numen / For Use für die Ausstellung „Out of Balance“ im aut mit „Tube Innsbruck“ eine völlig neuartige Form der Installation. Ausgehend von der bestehenden Architektur spannte sich eine begehbare, röhrenartige Netzkonstruktion durch unsere Räume, die Erwachsene und Kinder gleichermaßen begeisterte.

Als wir 2021 all jene, die in den vergangenen Jahren aktiv an unserem Programm mitgewirkt haben, dazu einluden, einen Beitrag zum Thema „Die Körper und der Raum“ beizusteuern, übermittelte uns Numen / For Use einen Film, der uns von Beginn an fesselte: Ein komplett mit Latex überzogener Innenraum, der sich durch die Zufuhr von Luft verändert und wie ein Handschuh nach außen stülpt. Diese ursprünglich für die Ausstellung „Negativer Raum – Skulptur und Installation im 20./21. Jahrhundert“ im ZKM Karlsruhe konzipierte Installation kann nun zusammen mit einer zweiten experimentellen Arbeit im aut erstmals live erlebt werden.

negative space
„Negative Space“ ist insofern ein Schritt weg von den bisherigen Installationen von Numen / For Use, als das Konzept sehr stark auf den Bühnenbildentwürfen der Gruppe und deren theatralischen Transformationen aufbaut. Die Arbeit besteht aus einem eindeutig bewohnten, prototypischen Zimmer, dessen Oberflächen vollständig mit einer Schicht aus Naturkautschuk überzogen sind. Die Innenflächen des Raums wurden unzählige Male mit flüssiger Latexmilch bestrichen, um so eine gleichermaßen elastische wie dicke Haut zu erhalten, die alle Möbel und Gegenstände umschließt und stark genug ist, um diese zu tragen und schließlich zu bewegen.

Schon im Ruhezustand wirkt der Raum durch seine Latexschicht seltsam, so als hätte er die Haut eines lebendigen Körpers. Sobald unter die Haut Luft eingeblasen wird, löst sich die gummiartige Membran allmählich von Wänden, Decke und Boden ab und stülpt den Innenraum samt seinen Einrichtungsgegenständen nach außen. Die Latexhülle fällt langsam in Falten von den Wänden und reißt den vertrauten „Raum“ mit allen Spuren des täglichen Lebens mit sich. Kehrt sich der Prozess um, d. h. wird die Luft abgesaugt, dann bewegt sich die Haut in ihren ursprünglichen Zustand zurück. Während die erste Verwandlung durch die Kraft der kompletten Zerstörung geprägt ist, so wirkt die inverse Transformation sanft und fließend, so als würde die Zeit rückwärts ablaufen und alles wieder in Ordnung kommen. Damit vermittelt „Negative Space“ – in Anlehnung an einen Aufsatz von Sigmund Freud – spielerisch einen zwischen Heim, heimlich und dem Unheimlichen changierenden Zustand.

collapsing room
Wenn beim „Negative Space“ schon die Latexbeschichtung eine gewisse Andersartigkeit des Raums zum Ausdruck bringt, so besteht die Qualität von „Collapsing Room“ darin, dass hier vor der Transformation nichts auf den überraschenden Kollaps von Raum und Oberflächen verweist. Völlig unerwartet geht die Wahrnehmung des „gewöhnlichen“ Zimmers verloren, das „Normale“ löst sich auf und weicht einem äußerst irrationalen Eindruck.

Eröffnung am Donnerstag, 9. November um 19 Uhr

Gespräch: Donnerstag, 9. November um 11 Uhr
Sprecher: Arno Ritter, Franco Clivio, Christoph Katzler